dermackerinoaxaca

Tote, Bücher und Cliff                                         

Geschrieben am Sonntag, 8.11. (Internet kaputt):

Heute kommt Simon. Das heißt, wir sind endlich komplett. Wir haben im ersten Monat ca. 85 € für Essen ausgegeben und werden diesen Monat jeder ungefähr 150 € für Miete bezahlen. Da wir jeder insgesamt 300 € bekommen, bedeutet das, dass wir zusammen ungefähr 200 € im Monat als Handgeld - das heißt Geldmittel zum Einsatz im Projekt - zur Verfügung haben. Damit kann man doch einiges anfangen. Zumal uns nach wie vor sehr freie Hand gelassen wird. Ich bin zB grad dabei, die Bibliothek zum Laufen zu bringen. Am Mittwoch kamen ein paar Kinder zu mir und wollten UNO spielen. Ich wollte ihnen die alten Karten geben, aber sie wollten die neuen. Am Nachmittag hatten sie mir die Karten zurückgebracht: Die Schachtel zerrisssen, die Karten zerknickt. Ich war empört, zu meiner Verwunderung nicht mal als einziger. Die müssens ja haben dacht ich mir. Die Straßenkinder, die sich ALLES leisten können. Wer so mit seinen Sachen umgeht, braucht sich nciht wundern, wenn plötzlich ncihts mehr da ist. Wutentbrannt habe ich deshalb am Tag darauf also allen Spielen Nummern gegeben und wenn sie jetzt ausgeliehen werden, ist immer bekannt, von wem. Und wenn die Kinder wieder meinen, alles kaputt machen zu müssen, bekommen sie auf bestimmte Zeit erstmal keine Spiele mehr. Es sei denn, sie ersetzen sie. Sehr witzig. Das Schöne an dem ganzen ist, dass man so viel bewegen kann scheinbar. Zumindest in jener Butz. Ich werd dieses Procedere mit den Büchern wiederholen. Ich hab auch schon einen Tisch in die Bibliothek gestellt. Zum lesen. Mit zwei Stühlen. Fett. Mitstreiter: Cliff. Den kennt ihr noch nciht; außer, ihr habt die Überschrift gelesen. Cliff ist bejahrt und aus Iowa. Cliff hat sieben Patenkinder in diesem Projekt und arbeitet dort alle zwölf Monate. Für: sechs Monate. Im Moment ist er damit beschäftigt, Weihnachtspakete zusammenzustellen aus sämtlichem Stauraum-Inhalt, den die Kapelle in letzter Zeit bot. Nebenher kümmert er sich um ein neues Dach, wobei er gleich neuen Stauraum ergründen will (wie nett, die Idee hatten wir doch auch). Folgendes: Das Gebäude befindet sich im 'Centro histórico', in dem selbe Bauvorschhriften gelten, wie in jeder 'Altstadt' auf der Welt. Ist ja vernünftig, auch wenn jede Altstadt kulturell wertvoller aussieht als die Ränder der Oaxacanischen. Tiefsinniger Kern des ganzen: Das Centro hat diverse Probleme. Das Dach ist undicht. Die tragenden Balken unter der Kapelle lassen im wichtigsten Versammlungsraum nicht mehr als 5 Leute zu. (Nebenbei ist es natürlich nciht wichtig, dass die unteren Exekutiven davon etwas wissen, wenn sie mit Besuchergruppen von zehn Leuten in der Kapelle rumlaufen.) Das Schöne daran ist, dass der Staat sich natürlich ein bisschen Geld davon abzwacken muss. Wie auch nicht. Wie Cliff mir erzählte, wollte er einst eine enorme Ladung Brillen ins Land bringen, um sie an jene, die sie sich nicht leisten können, zu verteilen. Die Erlaubnis war bald erteilt. Zu seiner Freude wollte der Staat für dieses Unterfangen jedoch einen dermaßen hohen Zoll kassieren, dass sie das ganze abbrechen mussten. Keine Hilfe für arme Mexikaner. Aber man braucht ja Prinzipien. Aber zurück zum tragenden Balken. Um einen kaputten tragenden Balken in Oaxaca im 'Centro histórico' zu reparieren, braucht man natürlich ein Erlaubnis. Diese Erlaubnis kostet Geld. Gott sei dank muss man dieses Geld nur bezahlen, wenn man die Erlaubnis auch auf jeden Fall bekommt. Puh. Deshalb wird es vorher geprüft. Nachdem man den Antrag gestellt hat. Der natürlich ein gewisses Geld kostet. Was ein Verein ohne Gewinn, der den Bedürftigen
des Staates hilft, blöderweise nicht bezahlen kann. Also kein tragender Balken. Ist ja auch nciht so wichtig. Was wichtig ist: Prinzipien. Man braucht schließlich welche. Mal sehen, was daraus wird.
Vielleicht habt ihr vom Tag der Toten gehört; hierzulande grandioses Fest. Falls ja und ihr fragt euch, wie es so war oder wie es mir gefallen hat: Nicht. Wir haben - für europäische Gaumen - widerliche Süßigkeiten angedreht bekommen. Wir sind in einer riesigen, fotografierenden, trotzalledem gähnend langweiligen, auch nchct besonders schönen, nicht von Format "Muss man gesehen haben" stammenden, Prozession mitgelaufen und ich war wütend, dass ich nicht zuhause war.
Im Bett. Oder im Mixer. Alles schöner.
Wir vergessen dies und erfreuen uns der Zukunft. Fritz darf eine Schach-Gruppe machen. Wenn er will. Wir alle dürfen ein Fußball-Team aufstellen. Wenn wir wollen.
Und wie wir wollen! Da wir bisher noch immer keine Möglichkeit gefunden haben, ordentlich Sport zu treiben, genau das richtige.
Ich habe bisher zwar schon einen Sportplatz gesehen, aber um euch den vorzustellen, stellt euch einfach ein Stadion vor und nehmt dann alles weg. Der andere Sportplatz, von dem ich mir mehr erhoffe, weil er zu einer Uni gehört, ist so weit weg, dass ich ihn ohne Fahrrad nicht erreiche. Und welchen Bus ich nehmen muss, weiß ich auch nicht.
Aber ich werde mir jetzt so schnell wie möglich ein Fahrrad zulegen.. es gibt hier auch genug Fußwege, also keine Sorge.
Joa..ich hab nochmal zwei Zusatzseiten in Arbeit/schon erstellt, auf denen unser Haus und das Projekt an sich thematisiert werden. Falls es euch interessiert. Also bis dann.

11.11.09 19:07
 


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bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(13.11.09 08:21)
Seit wann ist mein Freund eigentlich ein Pessimist?


(23.11.09 23:18)
Ist er nicht, wird er nie. Purer angebrachter Sarkasmus.


Jon (27.11.09 04:47)
Wer hat die Antwort geschrieben?


(27.11.09 10:14)
Na, rate mal. Dachte, das wäre klar. Nach dem letzten Kapitel mach ich mir sorgen, das du zu kiffen anfängst.
Hoffe, die sind unbegündet. Dein Alterchen

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